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Arnold Retzer: Systemische Paartherapie

Rezension von Rudolf Klein

Auf der neueren Systemtheorie aufbauend und in Abgrenzung zu einem alltagssprachlichen Konzept, das Paare als Gebilde ansieht, die aus zwei, auf irgendeine Art und Weise miteinander verbundenen Personen bestehen, gründet Retzer seine theoretische Ausgangsposition. “ Die Systemtheorie versucht zu beschreiben, was in solchen Paarbeziehungen geschieht, warum das, was dort beschrieben werden kann, geschieht, und wie das, was geschieht, von den unmittelbar Beteiligten selbst beschrieben, erlebt, erlitten und manchmal auch genossen wird. Dazu stellt die neuere Systemtheorie von einer personendefinierten Mitgliedschaft auf Sinn- und Funktionssysteme um.” (S. 19) Spezifische Bedeutungsgebungen, die wechselseitig und fortgesetzt die jeweiligen Handlungen zu kommunikativen Akten werden lassen, werden so zu zentralen Operationen des Systems. Sie können erklärenden Wert im Hinblick auf die Fragen bekommen, was der Sinn ist, der Paarbeziehungen erzeugt, begründet, aufrecht erhält und sie nach außen hin abgrenzt.

Von dieser theoretischen Basis ausgehend wirft Retzer zunächst folgende Fragen auf: “ Wie können zwei Personen dazu gebracht werden, in höchst unwahrscheinlicher Weise ihre Kommunikation so zu koordinieren dass daraus der Beginn einer Paarbeziehung werden kann? Welche Voraussetzungen müssen für diese regelmäßig erzeugte Unwahrscheinlichkeit gegeben sein? Wie ist überhaupt zu erklären, dass zwei Menschen sich mehr oder weniger langfristig zusammentun und bestimmte Gefühle füreinander entwickeln? Warum tun sie dies alles, obwohl es dazu keinerlei natürliche Notwendigkeit gibt? (...) Was ermöglicht also eine Paarbeziehung, was ohne eine Paarbeziehung nicht oder nur schwer möglich wäre?” Er beantwortet sich diese Fragen, indem er postuliert, er hege keinen Zweifel daran, “dass in unserer abendländischen Kultur die wichtigste Antwort, vielleicht sogar die einzig mögliche Antwort auf all diese ersten Fragen die Liebe sein” (S. 21) müsse.

In beeindruckender Weise führt der Autor im Folgenden aus, auf welche Art die Liebe von anderen Wahrnehmungen unterschieden werden kann und gibt jeglichen Versuchen, sie als biologisches oder natürliches Phänomen zu betrachten, eine Absage. Vielmehr sei “eben nur die Rede von der Liebe, die man hat, findet oder eben auch wieder verliert. Der Gegenstand der Liebe sind Geschichten, Liebesgeschichten oder Mythen.” (S. 23)
Sich soziologischer, philosophischer, literarischer und historischer Quellen bedienend, arbeitet Retzer dann Liebesmythen heraus, mit denen Intimität aus einer system- und differenztheoretischen Perspektive beschrieben und deren Funktionen für das Paarsystem bestimmt werden können: Durch exklusive und und inklusive Funktionen des Liebesmythos.

Diese sehr differenzierten und interessanten Ausführungen münden in die Darstellung eines “Kommunikationscodes der Liebe” (S. 45) und grenzen die Kommunikation in Funktionssystemen wie z.B. der Partnerschaft oder der Familie von der in Liebesbeziehungen ab. Davon ausgehend zeigt er sieben Liebesprobleme auf, die von der “Verpflichtung, richtig zu lieben” (S. 49) bis zu “Sexualität und Liebe” (S. 54) reichen.

Im Anschluss beschreibt Retzer die Differenz von Partnerschaft und Liebesbeziehung als zwei unterschiedliche Sinnsysteme. Eine Differenz, die m.E. in der gängigen paartherapeutischen Literatur zwar immer wieder anklingt, jedoch systemtheoretisch kaum herausgearbeitet wurde. Der Höhepunkt im Rahmen dieser Unterscheidung stellt für mich die Differenz von “Gabe” und “Tausch” dar, der eine deutliche Erweiterung herkömmlicher Geben-und-Nehmen-Ausgleichsdebatten darstellt.

Ist das Buch bis zu diesem Punkt ein Leckerbissen für Leser, die an sauber aufgebauten und stringent durchdachten Konzepten interessiert sind, so fehlt es dennoch nicht an fast unvermutet eingestreuten Passagen, die man sich am liebsten selbst (vielleicht dem Partner?) oder auch Klienten von Zeit zu Zeit vorlesen möchte: “Zum Heiraten sollte es vielleicht nur einen plausiblen Grund geben: Man sollte nicht anders können als zu heiraten, um dann miteinander zu leben, um in der Einsamkeit, die uns umgibt, jemanden zu haben, der uns nicht eintauschen will, der bereit ist, die Berechtigung unserer Existenz mit all unseren Fehlern und Mängel zu bestätigen. Der sagt: Ich gebe dich nicht her! (...) Man kann sich versprechen, sich genau zu überlegen, was man dem anderen sagt, besonders dann, wenn man sich über ihn geärgert hat und man zornig auf ihn ist. Man kann sich versprechen, sich lieber selbst auf die Zunge oder in andere Körperteile zu beißen, als ich mit diesen bekannten widerwärtigen, geschmacklosen, hässlichen Worten zu traktieren, von denen man so genau weiß, wie sie den anderen verletzen.” (S. 81 f.)

Im praktischen Teil mit dem Titel "Das Kunsthandwerk des systemischen Paartherapeuten" (S. 83) wird die Kunst und das dazu gehörende Handwerk der systemischen Therapie aufgezeigt und in den nachfolgenden Kapiteln anhand unterschiedlicher Fallbeschreibungen und Therapietranskripte dargestellt. In diesen Passagen erweist sich der Autor nicht nur als beeindruckender Theoretiker, sondern auch als exzellenter Praktiker. Besonders lesenswert sind dabei die Abschnitte "Die Kunst der Einladungen: Einladungen erkennen, bevor man sie annimmt" (S. 124 ff.) und die "Kunst der Triangulation: Was tun?" (S. 135 f.). Lesenswert und wichtig v.a. deshalb, weil Paare immer wieder vor der Aufgabe stehen, mit Triaden und damit potenziell mit Triangulationen zurecht kommen zu müssen. Der oder das Dritte im Bunde kann vieles sein: ein Kind, ein Geliebter oder eine Geliebte, Menschen aus den Herkunftsfamilien, die Arbeit und: Paartherapeuten. Störungen der Intimität wo immer man hinschaut. Hier liefert Retzer viele nützliche, teils humorvolle, teils anrührende Ideen für die therapeutische Arbeit, auf welche Weise Paare Dritte integrieren und wie sie Dritte zur Wiederherstellung der Paarintimität wieder ausschließen können.

Das Buch endet mit zwei Kapiteln, wobei das erste der beiden "Womit auch zu rechnen ist" sich speziellen Herausforderungen in der Paartherapie widmet (Sex, Affären, Konflikte). Besonders angeregt wurde ich hier durch seine Ausführungen zu den Begriffen des "Ausgleichs" für von mindestens einem Partner als schuldhaft definierten Verhaltens (im Falle einer Affäre) einerseits und dem Begriff der "Vergebung" als eine mögliche alternative Umgangsform damit. Es geht dabei "gerade nicht um den üblichen zukunfts- und lösungsorientierten Optionsdiskurs, der von Schuld und Schuldvorwurf entlasten soll, sondern im Gegenteil: es geht um einen vergangenheits- und problemorientierten Schuld- und Vorwurfsdiskurs."

(S. 277) Hier werden die einzelnen Schritte (S. 280 ff.) einer Art von Vergebungsritual beschrieben, das sich von den überwiegend in Paartherapien anzutreffenden Ausgleichsvorstellungen für als schuldhaft bewertetes Verhaltens abhebt. Das Ziel dieses schrittweisen Prozesses besteht in der Wiederherstellung der durch die Affäre (Hinzunahme eines Dritten) verletzten Dyade.

Konsequent wird dieser Gedanke, die Wiederherstellung der Intimität in der Dyade, auch auf die Funktion des Paartherapeuten für das Paar übertragen, was bei erfolgreicher Therapie den Ausschluss des Paartherapeuten zur Folge haben muss. "Sein (des Paartherapeuten R.K.) Ziel darf es daher nicht sein, solange wie möglich für das Paar der unentbehrliche Helfer zu sein, denn dadurch behindert er möglicherweise die Dyade unnötig in ihrer Selbstkonstituierung." (S. 279).

Das letzte Kapitel schließlich widmet sich den "Entwicklungsphasen von Paarbeziehungen" und beschreibt insgesamt zehn Herausforderungen an die Transformationsfähigkeit von Paaren. Dabei werden Themen wie Partnerwahl, Kinder, Karriere, Pensionierung und Tod berührt.

Fazit: Das Buch von Arnold Retzer ist, da stimme ich dem Klappentext zu, ein Informationsbuch, ein Nachdenkbuch, ein Lehrbuch und ein Anregungsbuch zugleich. Die Lektüre hat — obwohl ich mit vielen Gedanken und Konzepten Retzers vertraut bin — meinen paartherapeutischen Überlegungen auf sehr angenehme Art "frischen Wind" beschert. Es ist (für mich) das beste Buch 2004.

Arnold Retzer: Systemische Paartherapie Konzepte - Methode - Praxis

Klett-Cotta-Verlag 2004
ISBN: 360894365X
32,00 Euro

Diese Rezension ist im Systemagazin erschienen.

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Das sind Wir

Die SGST wurde 1988 als ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Psychotherapeuten und Psychotherapeut*innen aus den Fachgebieten Medizin, Psychologie, Pädagogik, Sozialarbeit und Sozialpädagogik gegründet. Später kam der Bereich Soziologie hinzu. Die SGST ist Gründungsmitglied der Systemischen Gesellschaft e.V. (Deutscher Verband für Systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung). Dieser 1993 gegründete Dachverband vereint Institute und Gesellschaften sowie zertifizierte Einzelpersonen, die systemisches Denken und Handeln nutzen, um Individuen und sozialen Systemen professionelle Hilfe und Problemlösungen anzubieten.

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