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Arnold Retzer: Lob der Vernunftehe

Rezension von Rudolf Klein

Arnold Retzer legt mit dieser Publikation sein zweites Buch zum Thema „Paare“ vor. Ein Buch, das sich nicht einfach kategorisieren lässt. Es ist weder ein Fachbuch für Paartherapeuten, noch ein Ratgeber für Partner und Paare. Es ist schon gar keine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema „Paare“. Und es lässt sich nicht als eine philosophische Schrift zu dieser Thematik verstehen. Dennoch hat es von all diesen Elementen etwas.

Kein Zweifel, das Buch (und damit sein Autor) weiß zu provozieren. Retzer spitzt zu, nimmt Sachverhalte auseinander, die bislang unhinterfragt als zusammengehörig verstanden wurden. Aber er verbindet und verknüpft auch auf überraschende Weise Sachverhalte, die bislang unhinterfragt als unvereinbar galten. Retzers Begriffskreationen und Begriffsdeutungen wie „Vernunftehe“ oder auch „resignative Reife“ sind Beispiele dafür. Vielleicht ist der im Titel des Buches gewählte Begriff der „Streitschrift“ daher ganz passend. Der Text will v.a. eines: Die Ehe von unmenschlichen und unerfüllbaren Erwartungen entlasten (z.B. an die Liebe oder das Glück), die so oft zu Hass und Unglück führen. Das Buch „will anregen, sowohl über die Grenzen wie über die Möglichkeiten der Ehe nachzudenken. Es möchte zur Entlastung der Ehe beitragen, damit sie wieder atmen, sich dehnen, sich strecken und wieder lebendig werden kann.“ (S. 14)

Das Buch ist im besten Sinne beeindruckend. Retzer gelingt es, einen Text anzufertigen, der komplizierte Zusammenhänge aus unterschiedlichen Wissensbereichen verknüpft und gleichzeitig leicht lesbar ist. Vielleicht ist das der Grund, dass ich beim Lesen einerseits nützliche Hinweise für paartherapeutisches Arbeiten bekam und gleichzeitig angeregt wurde, über sehr allgemein und gerade deshalb stark eingefahrene Übereinkünfte, Meinungen, für als „Wissen“ angesehene Selbstverständlichkeiten neu nachzudenken. Aber der Text ist noch mehr: Er lädt unmerklich dazu ein, die eigenen Paar- und Eheerfahrungen zu bedenken, ins Gespräch miteinander zu kommen, Übereinstimmendes und Unterschiedliches zu benennen, ja geradezu die Lust am Austausch zu fördern: Eine zusätzliche gemeinsame Erfahrung zu machen.

Und es ist schön geschrieben. Sätze wie: “Die Ehe ist eine auf Vernunft gründende Lebensform, die wir aus Liebe eingehen.“ Oder: „Daher ist es vernünftig, wenn die Ehe auf die Liebe setzt.“ (S. 44). Oder: „Wenn man die Liebesbeziehung vernünftiger weise auf Eis gelegt hat, sollte man aber daran denken, dass man etwas auf Eis legt, um es frisch zu halten. Man sollte daher nicht vergessen, dass es auch wieder vom Eis geholt werden kann oder muss, bevor das Verfallsdatum abläuft. (…) Etwa dadurch, dass man sich die Frage stellt, was einen eigentlich zusammengebracht hat, was damals die Liebesgeschichte war, wie damals die Liebesbeziehung in Gang kam und in Gang gehalten wurde. (.) Dadurch kann die zwar funktionierende, aber irgendwo auch überflüssig gewordene Ehe zu einer Vernunftehe werden, die sich der Möglichkeit der Liebe nicht verschließt und die auf das, was die Liebesbeziehung bietet, nicht verzichtet: eine höchstpersönliche, exklusive, existentiell bedeutsame und dadurch auch sinnstiftende Beziehung. Die erfolgreiche Vernunftehe setzt vernünftigerweise auch auf die Liebe, alles andere wäre unvernünftig.“ (S. 48 ff.) Oder: “Wir können dadurch (durch die Vernunft bzw. Vernunftehe, R.K.) der Illusion entgehen, uns den Himmel der Möglichkeiten auf die Erde und in unser Eheleben bringen zu können. Wir können dadurch aber auch der Befürchtung vorbeugen, unser Eheleben könnte die Hölle auf Erden sein. Stattdessen wollten wir unsere Ehe weder als Himmel noch als Hölle ansehen, sondern als einen realistischen Versuch auf Erden begreifen, das an erfüllter intimer Gemeinschaft zu erreichen, was uns vielleicht besser bekommt als das Alleinsein. Was kann vernünftiger sein?“ (S. 275)

Retzer hat eine Fülle kluger Gedanken zusammengefasst. Kluge Gedanken, die zu großen Teilen in seinen bisherigen Fachpublikationen bereits präsentiert wurden. Aber die Art der Präsentation durch die Einbeziehung wissenschaftlicher und philosophischer Arbeiten sowie durch Verarbeitung von Schlagertexten, Zeitungsannoncen und kurzen Fallvignetten ist ein Leckerbissen für „Gerneleser“.

Seine detaillierten und stets gut verständlichen Ausführungen zu Themen wie Liebe, Partnerschaft, Ehe, der Begrifflichkeit des Zufalls, der Freundschaft und dem Mythos der Gleichheit in Partnerschaften sind sehr empfehlenswert. Herausragend für mich, wie dies bereits in seiner Publikation „Systemische Paartherapie“ der Fall war, die Darstellung des Vergebens. Hier werden sowohl die Vor- und Nachteile dieses Prozesses diskutiert, aber auch eine Handlungsanleitung für etwaige Vergebungsprozesse präsentiert. Auch seine Ideen zur Bedeutung des Glücks, des Humors, die Bedeutung negativer und positiver Illusionen und über das Ende von Paarbeziehungen sind großartig, regen zur Diskussion an, eröffnen neue Sichtweisen und sind eins nicht: Sie sind nicht stromlinienförmig und am Zeitgeist von Machbarkeitsphantasien oder gar an einseitiger Lösungs-, Ressourcen- und Kompetenzfokussierung orientiert. Sie schließen den Glauben an Veränderungen, an Kompetenz- und Lösungsorientierung nicht prinzipiell aus, halten diese aber nicht immer für nützlich. Kurz: Ein aufrichtiges und mutig geschriebenes Buch. Natürlich kann man in einer Rezension versuchen, noch klügeres, zumindest aber ähnlich kluges kund zu tun. Dadurch, dass man die einzelnen Kapitel darstellt und kritisch diskutiert. Man kann aber auch einen Schritt zurück treten, dem Autoren Hochachtung vor seiner Leistung aussprechen und das Buch schlicht und ergreifend dringend zur Lektüre empfehlen. Ich habe mich für das Letztere entschieden.

Rudolf Klein (2009)

Arnold Retzer: Lob der Vernunftehe — Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN: 978-3100629449
18,95 Euro

Diese Rezension ist im Systemagazin erschienen.

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Die SGST wurde 1988 als ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Psychotherapeuten und Psychotherapeut*innen aus den Fachgebieten Medizin, Psychologie, Pädagogik, Sozialarbeit und Sozialpädagogik gegründet. Später kam der Bereich Soziologie hinzu. Die SGST ist Gründungsmitglied der Systemischen Gesellschaft e.V. (Deutscher Verband für Systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung). Dieser 1993 gegründete Dachverband vereint Institute und Gesellschaften sowie zertifizierte Einzelpersonen, die systemisches Denken und Handeln nutzen, um Individuen und sozialen Systemen professionelle Hilfe und Problemlösungen anzubieten.

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