Editorial 2020:
Achtung! „Systemisch“…

Liebe Leserinnen und Leser,


In den letzten 10 Jahren hat die systemische Psychotherapie und Beratung immer mehr Bedeutung im psychosozialen Feld gewonnen. 2008 wurde ihr die wissenschaftliche Anerkennung verliehen, zuletzt wurde sie sozialrechtlich anerkannt und damit der Weg zur Kostenerstattung durch die Krankenkassen geöffnet. Es erfüllt einen mit Freude, nach einem sich so dynamisch entwickelnden Ansatz arbeiten zu können.

Unsere SGST kommt in das 32 Lebensjahr, die Kurse und Seminare werden jedes Jahr weiterhin gut besucht, der Kreis der LehrtherapeutInnen erweitert sich. 2019 wurden Jeannette Rester und Christian Roland als assoziierte Lehrtherapeuten in unser Team aufgenommen. Hallo Jeanette, Hallo Christian – Ihr seid herzlich willkommen!

Wir möchten die LeserInnen mit Freude auf mehrere neuen Themen in den Programmabschnitten Selbsterfahrung, Weiterbildung und Ateliers aufmerksam machen.

Vor diesem positiven Hintergrund braucht man sich über die weitere Entwicklung des systemischen Denkens und Praktizierens keine Sorgen zu machen außer…

…außer der Frage nach der „systemischen Denkweise“. Wie muss man denken, dass es systemisch ist? „Ich arbeite systemisch“, „systemisch gesehen“- hört man oft. In der Literatur, in den Fachzeitschriften, unter den Fachleuten liest und hört man das Adjektiv „systemisch“ immer öfter. Im Internet findet Google ca. 3 400 000 Mal das Stichwort „systemisch“ in allen möglichen Kontexten und mit einem kaum eingrenzbaren Bedeutungsspektrum. Uns interessiert das systemische Denken in dem Rahmen des beraterischen und therapeutischen Ansatzes, der uns hilft, die Probleme, die sich in menschlichen und zwischenmenschlichen Zusammenhängen ergeben, einzuordnen und nach Wegen zu deren Überwindung zu suchen.
Und wenn einerseits die Bemühungen in Richtung ständiger Präzisierung des Systemischen als eigenständigen Therapieansatzes durch die Anbindung an die neueren System-, Kognitions- und Kommunikationswissenschaften und an die Hirnforschung gehen, schreitet andererseits die Devaluation des Begriffs „systemisch“ voran. „System“ und „systemisch“ sind inzwischen soweit als Modeworte in die Alltagssprache eingegangen, dass man bei deren Gebrauch nicht mehr daran denkt, dass die Worte auch eine völlig andere Bedeutung haben können, als man das gewohnt ist.

In unseren Weiterbildungsseminaren fallen ständig Worte wie „soziale Systeme“, „psychische Systeme“, „Interaktionssysteme“, „Problemsysteme“, „Lösungssysteme“ und wir machen die Beobachtung, dass es nicht einfach ist, sich die für den systemischen Ansatz spezifischen Bedeutungen der Worte anzueignen. Aber gerade die spezifischen Bedeutungen dieser Begriffe öffnen die Tür zu einer Welt völlig neuer Sichtweisen auf die Probleme und die Lösungsmöglichkeiten. Eine faszinierende Welt, in die Ihr herzlich eingeladen seid.

Jerzy Jakubowski
Portrait Jerzy Jakubowski