Editorial 2019: Erfolg

Liebe Leserinnen und Leser,


John Wooden, einer der erfolgreichsten Basketballtrainer der USA leitete seine Spieler an, Erfolg zu sehen als den »Seelenfrieden, ausgelöst durch die Genugtuung zu wissen, dass man sich angestrengt hat, sein Bestmögliches zu leisten.« (TED.com)

Was ist an dieser Haltung, Erfolge eher innen zu finden statt aussen so wertvoll? Viele Menschen, nicht nur Leistungssportler, verbinden ihre Arbeits- und oft auch Lebenszufriedenheit mit dem Erreichen äusserer Ziele. Diese Ziele kommen manchmal aus uns heraus, manchmal aber auch von Anderen oder sind das Resultat von Verführungen unserer Konsum- und Leistungskultur. Nicht selten ist dann das Ergebnis Unzufriedenheit und Anspannung bis hin zu Burn-Out-Erleben.

Ziele haben eine motivierende und orientierende Funktion, zweifellos. Das gehört zum Grundkanon systemischer Weiterbildungen. Die entscheidende Frage ist aber, welche Ziele wir uns setzen und wie sehr wir unsere Zufriedenheit an die Zielerreichung ketten. Die im systemischen Menschenbild so zentrale Idee der Förderung von Selbstwirksamkeit, der Förderung von mehr Autonomie in Bezogenheit verweist klar darauf, dass nur Zielsetzungen sinnvoll sind, die zu 100 % in der eigenen Gestaltungsfähigkeit liegen.


Wie sieht demgegenüber unser Alltag aus? Bei unseren oft intuitiv verfolgten Zielsetzungen ist dies selten der Fall. Natürlich wollen wir mehr Wertschätzung von unserem Chef, natürlich auch ein anderes Klima in unserer Familie oder am Arbeitsplatz. Ein Mannschaftssportler im Basketball möchte natürlich auch gerne gewinnen. Das ist sehr verständlich. Die Frage ist aber, was davon direkt von uns beeinflussbar ist, was eher indirekt und was gar nicht. Meist wirken bei solchen Themen viele Andere mit, die alle ihre eigenen Ideen haben.

Wir erhalten uns unsere Leistungsfähigkeit, unsere Zufriedenheit im Leben, wenn es uns gelingt, realistisch unsere Gestaltungsspielräume in komplexen Situationen zu erkunden und diese klug und tatkräftig zu nutzen. Wenn äussere Gestaltungs- und Entwicklungsspielräume klein sind oder von vielen anderen Menschen mit abhängig, wird es allerdings umso wichtiger, seine Zufriedenheit auch und stärker von inneren Erfolgen abzuleiten.

Ruhig zu bleiben, wenn der Chef Vorwürfe macht, könnte so ein Erfolgserlebnis sein. Oder Vertrauen zu haben, wenn die Tochter zum Studieren auszieht. Oder den roten Faden der Gesprächsführung in der Hand zu behalten, auch wenn die Klienten immer wieder abschweifen. Niemand wird verzichten wollen auf die Anerkennungen, die wir bekommen durch äussere, gesellschaftlich akzeptierte Erfolgssituationen. Für beides, für äussere wie für innere Erfolge (und für die situative Entscheidung, was jeweils mehr im Vordergrund steht) bieten systemische Vorgehensweisen hilfreiche Unterstützungsangebote an. In unserer aussengeleiteten Kultur vergessen wir nur manchmal die inneren Erfolge. Gerade in schwierigen Situationen, wo äussere Anerkennungen uns versagt bleiben täte es uns manchmal gut, uns verstärkt an einem inneren Zufriedenheitskompass zu orientieren. Äussere Erfolge mehr als Sahnehäubchen auf dem inneren Kuchen zu sehen. Dies ganz im Sinne von Steve De Shazer, einem Pionier systemischer Kurztherapie, der zu seinen Klienten in alter stoischer Tradition zu sagen pflegte: »Ich tue mein Bestes. Es gibt keine Garantie!«


Auch im 31. Jahr unseres Bestehens unterbreiten wir Ihnen ein Angebot, das zu Ihren inneren und äusseren Erfolgen beitragen soll. Neben unseren bewährten Beratungs- bzw. Therapiecurricula finden sich auch neue Formate: die systemischen Salons in Saarbrücken und in Neustadt, die der Kontaktaufnahme mit der SGST, der Vernetzung und dem innovativen Austausch dienen. Sie sind insofern kein direkter Bestandteil unserer Weiterbildungen. Ein neues Format ist auch ein Einführungsseminar »systemische Gesprächsführung« und eine offene Supervisionsgruppe in Neustadt zum Kennenlernen neben dem Orientierungsworkshop. Daneben finden Sie viele anregende Selbsterfahrungs- und Weiterbildungsseminare, die zeigen wie innovativ unser LehrtherapeutInnenteam auf dem Stande der Kunst ist. Die Kombination langjährig bewährter Lehrender und neu dazugekommener assoziierter Lehrender ist eine anregende und produktive Mischung!

Drei Ateliers runden das Angebot ab: hypnosystemische Trauertherapie mit Roland Kachler, Fallverstehen und Settingkonstruktion in der Jugendhilfe mit Matthias Schwabe sowie Trauma mit Arnold Retzer. Im Bereich der Beratungs- und Therapiecurricula der SGST sowie bei Supervisions- und Selbsterfahrungsseminaren erhöhen wir die Tagesgebühr ab 2019 um 5 Euro auf 95 Euro. In den anderen Bereichen wie etwa den Weiterbildungsseminaren bleiben wir auf dem bisherigen Stand. Damit sind wir insgesamt weiterhin im Vergleich recht kostengünstig.

Im Sommer 2018,
Kurt Hahn
Portrait Kurt Hahn