Editorial 2016 — »Die Evolution ist von Kooperationen getrieben«

— Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit
 

Liebe Leserinnen und Leser,

der systemische Ansatz hat in den letzten dreißig Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt. Von der klassischen Familientherapie ausgehend bewähren sich systemische Haltungen, Konzepte und Interventionsmethoden heute in den unterschiedlichsten Beratungs- und Therapieformaten sowie in vielen psychosozialen Arbeitsfeldern. In nicht wenigen dieser Arbeitsfelder sind systemische Ansätze schon so etwas wie eine Leitkultur bzw eine integrative Klammer. Diese beeindruckende Entwicklung hält weiterhin an. Dies nicht zuletzt deswegen, weil der anfängliche (durchaus charmante) jugendliche Eifer vieler SystemikerInnen, einzigartig sein zu wollen und zu müssen vielerorts einer anderen Haltung gewichen ist: einer zunehmend souveränen Haltung, das wertvolle Eigene selbstbewusst, kraftvoll und dabei kooperativ in das Konzert der Geschwisterverfahren einzubringen. Wertschätzung von Vielfalt, nicht egozentrisches Beharren auf Monokulturen ist der zukunftsweisende Weg, auch wenn Vielfalt manchmal erkämpft werden muss.

Kurzum, die systemische Bewegung ist erwachsen geworden und hat wohl weiterhin eine gute Zukunft vor sich. Dies kann man sicherlich für den gesamten psychosozialen Anwendungsbereich systemischer Ansätze in den vielfältigsten Formen von Beratung und für die klinische Psychotherapie so prognostizieren, auch wenn die sozialrechtliche Anerkennung im Bereich der psychotherapeutischen Richtlinienverfahren durch den GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen) noch einige Jahre dauern wird.

Viele Krankenkassenvertreter schätzen systemische Ansätze und wollen sie so früh wie möglich nutzen. Man darf gespannt sein, was in diesem Bereich weiterhin an kreativen Lösungen entwickelt wird. Von einer solchen Entwicklung berichtete der Psychotherapie-Beauftragte der SG Berlin, Sebastian Baumann auf der Mitgliederversammlung der SG in München im April 2015: viele Krankenkassen beobachten mit Sorge die Zunahme der F-Diagnosen (Depressionen, Ängste, Zwänge, etc.) im Gesundheitswesen. Sie wissen, dass schon im Vorfeld von Psychotherapie, im Bereich der Gesundheitsprävention deutlich mehr getan werden muss als bisher. Sie kennen das Potential systemischer Ansätze auch für diesen Bereich.

A propos „psychische Gesundheit“: unsere LehrtherapeutInnen berichten immer wieder davon, dass viele der TeilnehmerInnen unserer Langzeitcurricula nicht nur von Verbesserungen ihrer beruflichen Kompetenzen sprechen, von einer höheren Wirksamkeit ihres professionellen Handelns. Sie sprechen auch, für sie oft überraschend, von bereichernderfreulichen „Nebenwirkungen“ systemischer Haltungen und Orientierungshilfen in komplexen Situationen ihres eigenen Privatbereichs, sei es in Freundschaften, Partnerschaften, in der Familie, im Umgang mit sich selbst oder im kollegialen Umgang.

Die LehrtherapeutInnen der SGST sind von Anfang an aktiver Teil dieser oben beschriebenen rasanten Entwicklung gewesen und sind es auch heute, wie das vorliegende Programmheft 2016 mit Kursen im Saarland und in Rheinland-Pfalz belegt. Weiterentwicklung und Kontinuität finden Sie in allen Curricula, in den Selbsterfahrungs- und Supervisionsseminaren genauso wie in den Ateliers, den Weiterbildungsseminaren und Sondercurricula. Besonders hinweisen wollen wir in diesem Jahr auf das Atelier mit Arnold Retzer zu existentiellen Fragen im November. Man darf gespannt sein!

Alle Angebote dieses Heftes orientieren sich an den neuen curricularen Rahmenrichtlinien der SG Berlin, die für Weiterbildungen, die ab dem 01.01.2016 beginnen Gültigkeit haben. Alle vorher schon begonnenen Curricula sind davon nicht berührt.

Im Bereich der Curricula zur systemischen Beratung bieten wir ab 2016 zwei aufeinander aufbauende Varianten an: Ein Curriculum „systemische Beratung (SGST)“ als Kompaktvariante und daran anschliessend für diejenigen, die das wünschen bzw benötigen zusätzliche Module aus unserem Programmheft für den Abschluss des vom Dachverband zertifizierten Curriculums „systemische Beratung (SG)“.

Kurt Hahn
im Juli 2015

Kurt Hahn