Editorial 2014 —
Anerkennung mit Pointe

Liebe Leserinnen und Leser,

Ich schreibe das Editorial für das Programmheft 2014 im Juli 2013 und bewundere, was das Jahr mit der 13 am Ende im beraterisch/therapeutischen Feld auf die Bühne gebracht hat. Die Systemische Gesellschaft (SG) feiert 20 Jahre und die SGST 25 Jahre erfolgreicher Aktivitäten, die Diskussion über die Reform des Psychotherapeutengesetzes, vor allem über die Form der Ausbildung in der Psychotherapie intensiviert sich, die SG und die Deutsche Gesellschaft für systemische Familientherapie (DGSF) diskutieren die Anpassung der Weiterbildung in der systemischen Therapie und Beratung an die Bachelor- und Masterstudiengänge, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft die Anerkennung der Systemischen Therapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung bei Erwachsenen, um nur einige, für uns interessante Ereignisse zu erwähnen.
Viele hoffen nun, dass am Ende des Bewertungsprozesses nach der berufsrechtlichen auch die sozialrechtliche Anerkennung erfolgt. Das würde bedeuten, dass approbierte Psychotherapeuten im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen können. Für diesen Fall plädieren die SG und die DGSF in einer gemeinsamen Erklärung dafür, auch SozialarbeiterInnen und SozialpädagogenInnen zur Abrechnung mit den Krankenkassen zuzulassen.

Die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen würde vielen psychotherapiebedürftigen Menschen einen neuen kostenfreien Zugang zu anderen Formen der Hilfe bei der Bewältigung ihrer Probleme ermöglichen und vielen PsychotherapeutInnen neue Perspektiven der beruflichen Entfaltung eröffnen. Diese Option weckt aber nicht nur Freude. Sie beunruhigt auch sehr viele SystemikerInnen, die befürchten, dass die systemische Therapie dadurch domestiziert werden und ihr revolutionäres Potential mit dem neuen Wind verloren gehen könnte. Sie könnte sich als etabliertes Verfahren in Richtung Beständigkeit und Konservatismus entwickeln und das Bedürfnis nach Wandel, Innovation und Weiterentwicklung verlieren.

Meine Neugierde gilt aber auch einem anderen Aspekt der möglichen sozialrechtlichen Anerkennung des systemischen Ansatzes. Denn damit würden sich zwei Weltanschauungen begegnen, die als nicht miteinander vereinbar erscheinen. Das autopoietische Menschenbild mit seinem Modell zirkulärer Prozesse würde auf ein medizinisches System treffen, das in vielen Bereichen noch dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbilds folgt und einer Krankheit jeweils eine bestimmte Ursache zuzuordnen trachtet. Dem Begriff der Störung stünde die Idee des Sinns des so genannten gestörten Verhaltens gegenüber. Die Suche nach Ressourcen würde mit der Suche nach Defiziten konkurrieren. Die systemischen Sichtweisen von Problemen könnten richtungweisend auf das therapeutische Vorgehen wirken und damit den psychiatrischen Diagnosen ihre bisherige Wichtigkeit nehmen. Die Symptome psychischer und emotionaler Probleme und Verhaltensstörungen bekämen eine Chance, sich in sinnhafte Anpassungsversuche zu verwandeln. In den Fokus des therapeutischen Interesses würden verschiedene Systeme rücken, die die Probleme auf unterschiedlichen Ebenen damit aufrechterhalten, dass sie einen Sinn erzeugen. Der größten Herausforderung müsste sich aber die Ansicht der Wirklichkeitskonstruktion stellen. Im Haus der Medizin gilt die Realität als weitgehend erkennbar und damit als diagnostizierbar. Im Systemischen gehen wir dagegen von erfundenen Wirklichkeiten aus und fragen nach Motiven und Intentionen unserer Interpretationen der Realität und nicht nach den Ursachen.

Nicht zuletzt aufgrund meiner Neugier auf die Ergebnisse solcher Begegnungen hoffe ich sehr, dass es dazu kommt. Auf eine Pointe oder humorvolle Begebenheit, die an dieser Stelle üblicherweise ihren Platz findet, will ich verzichten. Ich warte vielmehr gespannt auf alle Pointen und humorvollen Begebenheiten, die sich aus der o. a. Begegnung von selbst ergeben.


Ein neugieriger Jerzy Jakubowski

Jerzy Jakubowski