Editorial 2012 —
Schmecken und Geschmack

Liebe Leserinnen und Leser,

Gerade halten Sie unser Programmheft 2012 in Ihren Händen [zumindest fast: kostenlos per Post zusenden lassen]. Wie immer ist es gefüllt mit Angeboten, die zu den „Klassikern“ gehören wie z.B. die Beratungs- und Therapieausbildungen sowie die bereits bekannten Supervisions- und Selbsterfahrungsangebote. Aber auch Neues kann entdeckt werden. So z.B. die Ateliers mit Michael Bachg mit dem interessanten Thema „Feeling seen“, Tom Levold mit dem wichtigen Themenbereich „Affektive Kommunikation“ und Ulrike Reddemann mit der Vertiefung der im letzen Jahr angefangenen Reihe „Traumatherapie nach PITT“. Wir sind gespannt, ob unsere Programmzusammenstellung Ihren Geschmack treffen wird.

Apropos Geschmack. Kürzlich wollte ich Wein bestellen und herausfinden, wie die neuen Weine schmecken. Schmecken – etwas, was jeder Mensch kennt, jeder unweigerlich tut, unter halbwegs normalen Umständen sogar mehrmals täglich. Und nicht nur, was das Schmecken von Wein betrifft. Wir wissen nämlich, dass Tomaten nach Tomaten schmecken soll(t)en, Milch nach Milch, Gurken nach Gurken. Das alles kennt man – glaubt man. Aber wie schmeckt Wein?

Mir fällt also auf der Suche nach Wein ein Katalog eines Weinhandels in die Hände. Und was lese ich da über die Weine? Manche duften nach Kirschen, Brombeeren und haben den Geschmack von Marzipan, frischen Mandeln, von Weichselkirschen, Vanille, Süßholz usw. So steht es da. Und das muss wohl stimmen. Immerhin haben sich Experten mit dem Geschmack des Weins beschäftigt. Ich bestelle also verschiedene Weine, lese die Beschreibung des ersten, koste und stelle fest, dass ich genau das schmecke, was ich über den Wein gelesen habe: Pflaumen, Rosinen, dunkle Beerenfrüchte und, mit etwas Mühe: Datteln. Dann probiere ich einen anderen Wein. Leider habe ich vergessen, vorher die Beschreibung des Weins zu lesen. Ist auch egal, denke ich. Schmecken kann ja jeder. Ich trinke und schmecke Schokolade, entdecke Brombeernoten und eine Anspielung an Leder. Nicht schlecht, denke ich, aber dieser Wein kann noch etwas lagern.

Da fällt mir ein, dass ich ja mal überprüfen könnte, ob ich den Geschmack richtig erkannt und alle Geschmacksnuancen wahrgenommen habe. Ich hole mir die Beschreibung der Experten und lese: „Der Duft hat neben seiner feinen Frucht von Kirschen und Brombeeren auch sehr attraktive Noten von Kirschkompott oder Konfitüre zu bieten, durch das sich eine feine Spur von Pfeffer und roter Paprika zieht. Der Wein ist trinkreif.“ Donnerwetter! Was nun? Schmecke ich unzureichend, vielleicht etwas dumpf, und kann ich deshalb den Geschmack des Weins nicht feststellen? Schmecken die Experten falsch? Schmeckt der Wein mal so, mal so? Und wieder die Frage: Was ist der Geschmack des Weins?

Da kommt mir der Gedanke, dass Schmecken und Geschmack zwei durchaus unterschiedliche Phänomene sein könnten. Sie vielleicht ein Verhältnis zueinander haben wie der japanische Autor Marakami in seinem Buch „Über das Laufen“ über die Beziehung von Schmerz und Leiden schreibt:

Schmerz ist unvermeidlich. Leiden ist eine Option

Hat man denn noch nicht einmal beim Weintrinken Ruhe vor den Tücken des konstruktivistischen Denkens?

Ich recherchiere also im Internet und finde eine Seite, auf der sich Autorinnen und Autoren mit dem Phänomen des Weinschmeckens. „Die Weinprobe findet im Kopf des Konsumenten statt“, lese ich da und erfahre einiges über die Bedeutung des Riechens beim Schmecken, über die Geschmackszonen meiner Zunge und über neurophysiologische Zusammenhänge beim Schmecken. Und als ob ich nicht schon genug bei meiner Wahrheitssuche über den Geschmack eines Weins verunsichert worden wäre, muss ich auch noch den Einfluss emotionaler Prozesse und der Bedeutungszuschreibungen, die aus spezifischen Narrationen über Weine resultieren, erkennen. Menschen könnten, so steht es da, Geschmack nicht objektiv wahrnehmen. Das alles kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Als Krönung werden verschiedene Experimente mit professionellen Verkostern geschildert, von denen mir eines besonders gut gefiel: Die Önologen sollten den Geschmack eines Weißweins von dem eines Rotweins unterscheiden, ohne nähere Angaben zu den Weinen zu haben. In Wirklichkeit enthielten beide Flaschen denselben Weißwein, wovon einer mit geschmacksneutraler Lebensmittelfarbe rot eingefärbt worden war. Die Experten schrieben dem Weißwein typische Weißwein- und dem angeblichen Rotwein typische Rotweinaromen zu.

Übrigens: Mir haben beide von mir probierten Weine und auch die anderen bestellten Exemplare sehr gut geschmeckt – nach was auch immer.


Rudolf Klein





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