Editorial 2011 —
Von Fakten und Skifahrten

Was wir nicht wissen, ist erstaunlich.
Noch erstaunlicher ist, was wir als Wissen betrachten.

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade halten Sie unser Programmheft 2011 in Händen [zumindest fast: kostenlos per Post zusenden lassen]. Wie immer ist dies Anlass für einen Blick zurück und nach vorne. Ich habe dafür drei Punkte bzw. Ereignisse ausgesucht:

Wie auf unserer Homepage bereits zu lesen war, haben wir im vergangenen Jahr im Rahmen einer Kooperation mit dem Rhein-Eifel-Institut in Andernach ein Curriculum erarbeitet, das die Inhalte zur Erlangung einer Approbation in systemischer Therapie festlegt. Derzeit arbeiten wir mit den dortigen KollegInnen an Finanzierungsmodellen, die diesen Ausbildungsgang ermöglichen sollen. Obwohl noch nicht alle Fragen geklärt sind, sind wir mit Grund optimistisch, dass dieser Ausbildungsgang in absehbarer Zeit starten kann. Wir werden Neuigkeiten in dieser Angelegenheit zeitnah auf unserer Homepage platzieren.

Eine sehr erfreuliche Veränderung betrifft unseren Kollegen Winfried Häuser. Dieser hat nämlich im Juni d. J. an der Technischen Universität München mit seiner Arbeit „Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen – Klassifikation, klinische Diagnose und evidenzbasierte Therapie“ habilitiert. Er besitzt nun die Lehrbefugnis für „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ und trägt den Titel eines Privatdozenten (PD).

Und nun noch ein paar Hinweise zum Programmangebot: Neben zahlreichen Angeboten, möchte ich v. a. auf die vier Ateliers 2011 hinweisen. Eingeladen sind Tom Levold zu dem Thema „Affektive Kommunikation“, Ulrike Reddemann aufgrund der großen Nachfrage in 2010 zum Thema „Traumatherapie (PITT)“, Ulrich Clement, einer der führenden Sexualtherapeuten in der Bundesrepublik, zum Thema „Systemische Sexualtherapie“ und Rüdiger Retzlaff zum Thema „Kindertherapie“.

So weit zu den Fakten. Neben all diesen organisatorisch-inhaltlichen Dingen möchte ich auf eine Kernaussage der systemischen Beratung und Therapie eingehen, die sich um die Frage dreht auf welche Weise wir die Welt beobachten, welchen Sinn wir dabei unterstellen und zu welcher Art von „Wissen“ wir dadurch kommen. Philip Roth hat das in seinem Roman „Der menschliche Makel“ folgendermaßen beschrieben: „Was wir nicht wissen, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, was wir als Wissen betrachten.“ (S. 235)

Hierzu fällt mir eine Geschichte ein, die mir vor einigen Jahren in Polen erzählt wurde. Ich war damals mit meinem Kollegen Jerzy Jakubowski in Poznan zu einem Seminar eingeladen und es ging dabei um eben jene Wirklichkeitskonstruktionen – um die fatalen und um die humorvollen Konsequenzen. Am Kurs waren einige Ärzte aus der Psychiatrie beteiligt und einer von ihnen erzählte folgende Geschichte:

Auf einer Abschlussfete am Ende des Medizinstudiums saßen mehrere frisch gebackene Ärzte in der Wohnung eines Kollegen zusammen und feierten. Die Wohnung befand sich im 13. Stockwerk eines Hochhauses. Im Rahmen der Feier tranken sie nicht unerhebliche Mengen Wodkas und spielten das uralte Spiel „Flaschendrehen“. Bei einem Durchgang zeigte der Flaschenhals auf den Besitzer der Wohnung. Er wurde daraufhin aufgefordert, seine Skier, seine Skimontur mit Helm und Skibrille anzuziehen, um dann anschließend die Treppen des Treppenhauses nach unten zu fahren. Gesagt, getan. Die Fahrt verlief gut, die Kurven wurden sauber genommen. Leider trat unmittelbar vor der Passage eines unteren Stockwerkes eine ältere Hausbewohnerin vor ihre Wohnungstür und wurde – bremsen ging nicht mehr – von dem Skifahrer überfahren. Der Skifahrer entschied sich in seiner Panik für Fahrerflucht: Er kümmerte sich nicht um die Frau und schlitterte weiter.

Nachdem die Frau mit dem Krankenwagen abtransportiert war, peinigten den jungen Arzt Schuldgefühle und er fragte am nächsten Tag im Krankenhaus nach, ob in der Nacht eine ältere Frau eingeliefert worden sei. Dies wurde bejaht und er erhielt sogar die Auskunft, dass die Frau einen Beinbruch erlitten hatte. Er gab sich daraufhin wahrheitsgemäß als ein am Gesundheitszustand der Frau interessierter Nachbar aus und fragte nach der Zimmernummer der Frau. Daraufhin bekam er zur Antwort, die Frau sei nicht mehr auf der Orthopädie. Man habe sie gegen ihren Willen in die Psychiatrie überweisen müssen wegen akuter Wahnvorstellungen. Sie habe sich nämlich nicht von der Version abbringen lassen, dass sie sich den Beinbruch durch einen Zusammenstoß mit einem voll ausgerüsteten Skifahrer im Treppenhaus ihres Wohnhauses zugezogen habe.


Rudolf Klein

Barbara Schmidt-Keller Foto




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