Editorial 2010 —
Abschied und Aufbruch

Was uns in besonderer Weise bewegt

Liebe Leserin, lieber Leser,


schon wieder ist ein Jahr vergangen, Sie halten ein neues SGST- Programm in den Händen [fast zumindest: Jetzt kostenlos per Post zusenden lassen. Anm. d. Red.] und in diesem Editorial möchte ich das ansprechen, was uns in besonderer Weise bewegt hat und immer noch bewegt.

Im Dezember 2008 kam die lange und mit Spannung erwartete Nachricht, dass die Systemische Therapie als psychotherapeutisches Verfahren zur vertieften Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten als auch für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten empfohlen wird.

Nach fast 2-jähriger Prüfung durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie hat dieser festgestellt, dass die Systemische Therapie in fünf der vom WBP definierten Anwendungsbereichen für die Psychotherapie Erwachsener sowie in vier für die Therapie von Kindern und Jugendlichen mindestens je drei so genannte randomisiert-kontrollierte oder methodisch gleich gute Studien vorgelegt hat.

Das gilt nach den seinerzeit gültigen Spielregeln des WBP als Kriterium dafür, dass Systemische Therapie für die gesamte Breite psychischer Störungen als in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen angesehen werden kann. Im Wissenschaftsdiskurs kann Systemische Therapie nun unbestritten als Verfahren mit wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit angesehen werden. Das sollte Konsequenzen für psychotherapeutisch bedeutsame Behandlungsleitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Fachgesellschaften), für die Wissenschaftspolitik (Forschungsförderung) sowie für die Hochschulpolitik (Lehrstuhlbesetzung) haben. All diese wissenschaftspolitischen Konsequenzen sind möglich, aber nicht zwangsläufig! Wer sich dafür interessiert, was diese Entscheidung bereits jetzt und in Zukunft bedeuten wird, kann auf der Homepage der SG DGSF unter folgendem Link mehr Informationen einholen: 10 häufige Fragen und Antworten auf das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates

Rolf Thissen, unser Gründungsmitglied und erster Vorsitzender seit unseren Anfängen, war wie wir anderen durch diese Nachricht euphorisiert. Mit klarem Blick für die daraus entstehenden Konsequenzen und Aufgabenstellungen ging er schnell in die Analyse der Situation und in die Planung der anstehenden Klärungsschritte.

Ungefähr einen Monat nach der guten Nachricht kam die schlechte. Rolf erkrankte an einer Bronchitis, die nicht ausheilen wollte. Im März war dann klar, dass er zum dritten Mal an Leukämie erkrankt war. Rolf war 2003 zum ersten Mal schwer erkrankt und hatte mit allergrößter Skepsis der Behandlung zugestimmt. Die Nebenwirkungen der Chemotherapie und der Knochenmarktransplantation brachten ihn an den Rand seiner Möglichkeiten, diese zu ertragen, und sicher oft über diese Erträglichkeitsgrenze hinaus.

Rudi Klein und ich lernten Rolf 1985 am Rande des heute legendären Forums „Lebende Systeme“ der damaligen IGST in Heidelberg kennen. Gunthard Weber machte uns bekannt. Voller Erstaunen stellten wir fest, dass in der kleinen Kreisstadt Merzig gleich vier Menschen zu finden waren, die sich mit dieser noch selten anzutreffenden Methode beschäftigten. Rolf erzählte uns, dass er mit seinem Kollegen Peter Michael Glatzel erste Versuche in systemischer Therapie im Rahmen der Psychiatrie machte. Wir verabredeten ein erstes Treffen und daraus ergab sich eine kleine Arbeitsgruppe, die sich regelmäßig donnerstags in einer verlängerten Mittagspause traf. Wir zeigten uns gegenseitig Videos aus unseren Therapiesitzungen und gaben uns kollegiale Supervision. Dazu gab es Vollkorngebäck und Demeter-Malzkaffee. Es dauerte auch nicht lange, bis wir mit Live-Interviews in der Psychiatrie experimentierten. Die Keimzelle der späteren SGST hatte sich gebildet.

Am 5. April 2009, Sonntag morgens, irgendwann nach 8 Uhr, ist Rolf gestorben. Er war 53 Jahre alt.

Wir trauern um ihn. Um unsere und Ihre Erinnerungen zusammenzutragen, haben wir auf unserer Homepage ein virtuelles Kondolenzbuch eingerichtet, zum Nachlesen und Mitschreiben.


Barbara Schmidt-Keller Foto
Barbara Schmidt-Keller

Merzig, im Juli 2009




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