Editorial 2017 Innovation & Beständigkeit— »Die Vorstellung von Psychotherapie als Technik raubt dem Prozess seine Seele«

— Jan Bleckwedel, systemische Therapie in Aktion: kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren, Göttingen 2008, S. 20
 

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Nachfrage nach Techniken, nach anwendbaren praktischen Vorgehensweisen systemischer Intervention hat deutlich zugenommen. Es ist immer eine Freude, in den Weiterbildungen der SGST den inzwischen sehr breit und bunt gewordenen Interventionsbaukasten systemischer Methoden vorzustellen und einzuüben in der Anwendung auf das jeweilige Arbeitsfeld (Jugendhilfe, Beratung, Pädagogik, Heilberufe, Psychotherapie, Coaching etc). Dennoch lehren wir deutlich mehr und wir lehren übergreifender, um den methodischen Instrumenten die „systemische Seele“ einzuhauchen und dadurch auch die volle Wirksamkeit des systemischen Vorgehens zu erreichen.

Dazu eine kleine Geschichte von Heinz von Foerster:

Ein reicher amerikanischer Reisender besuchte Picasso in seinem Schloss. Picasso ist entzückt, führt ihn herum, zeigt ihm seine Bilder. Schliesslich sagt der Amerikaner: „Lieber Herr Picasso, wieso malen Sie die Menschen nicht so, wie sie sind?“ Und Picasso fragt nach: „wie soll ich das machen? Wie geht das? Wie sind die Menschen? Können Sie mir ein Beispiel geben?“ Da zückt der Amerikaner seine Brieftasche, nimmt ein kleines Foto heraus und sagt: “Hier sehen Sie meine Frau, wie sie ist.“Fasziniert nimmt Picasso das Bild in die Hand, dreht es herum und meint:“aha, das ist ihre Frau. So klein ist sie. Und so flach!“
(aus: H.v.Foerster/B. Pörksen; Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Heidelberg 2008)

Geht es in dieser Geschichte um Techniken des Abbildens? Nein, es geht um viel mehr, um ein grundsätzlich anderes Menschenbild! Konstruktivistische Sichtweisen wie diese von Heinz von Foerster in obiger Geschichte ermöglichen erst Toleranz für Unterschiede, Perspektivenwechsel, Optionenvielfalt und verantwortete Auswahl bestimmter Methoden. Für Fundamentalisten jeder Couleur sind solche Vielfalt wertschätzenden Perspektiven sicherlich ein Greuel.

Zur „systemischen Seele“ gehört ganz zentral, auf dem Hintergrund einer grundsätzlichen Perspektivenvielfalt und einer Haltung von Respekt und Wertschätzung dem Klienten(-system) gegenüber eine partnerschaftliche Beziehung auf Augenhöhe aufzubauen. Im Rahmen dieser Beziehung zieldienliche Vorgehensweisen und Methoden auszuwählen, die sich als wirksam erweisen. Dies ist anfangs schwer wie Autofahren lernen und geht nach einiger Zeit des Trainings ins Blut über. Eine von uns aktiv unterstützte Haltung der kollektiven Freude am Lernen in multiprofessionellen Weiterbildungsgruppen fördert solche Prozesse natürlich ganz wesentlich.

Anstatt „systemischer Seele“ könnte man natürlich auch von „Alleinstellungsmerkmalen“ des systemischen Konzeptes sprechen – Perspektiven, die zum „Systemischen“ gehören wie ein Fingerabdruck zu einer bestimmten Person.

Die obigen Zeilen zeigen deutlich, wo Innovation geschieht und wo Kontinuität besteht im systemischen Feld und ebenso in der SGST: die Methodenvielfalt wird immer bunter und vielfältiger, damit wächst natürlich auch das Bedürfnis nach Navigationshilfen für den Methodeneinsatz.

In unserem Angebot 2017 finden Sie viel Innovatives- für Absolventen unserer Weiterbildungen und für Neuinteressenten das Angebot eines Aufbaucurriculums systemische Supervision. Weiterbildungssseminare zu Familien in Krisen, zu Autismus und zur kreativen Arbeit mit Mustern. Ein breit gefächertes und auf Nachfrage vieler Interessenten hin deutlich erweitertes Angebot von Selbsterfahrung. Ein spannendes Atelier zu hypnosystemischer Trauerbegleitung mit Roland Kachler. Ein interessantes Atelier mit Prof. Schleiffer zu störungsspezifischen Konzepten systemischer Therapie. Ein Vortrag zu diesem Thema, zu dem wir breit einladen werden wie für weitere Vorträge, die wir in Zukunft planen auch.

Kontinuität wollen wir bewahren bei unserer an Lernfreude orientierten Weiterbildungs-Didaktik. Bei der Orientierung an den zentralen Haltungen und Prozessmerkmalen systemischen Vorgehens. Beim Bemühen um ständige Veränderung, um damit –wie ein Sprichwort sagt– immer wieder gleich bleiben zu können.

Kurt Hahn
im Juni 2016

Kurt Hahn